Tulliver Sheep (Teil 1) – Regionaler Wolle wieder Wert geben

Bei vielen der heute im Handel angebotenen Garne sieht die Produktionskette, ganz grob zusammengefasst, in etwa so aus: Die Wolle kommt von riesigen Schafherden aus Australien oder Neuseeland. Gewaschen, meist auch karbonisiert und superwashbehandelt, wird sie in China, dann geht es weiter zum Kardieren und Spinnen nach Italien und danach nach Indien zum Färben, bevor sie in Europa im Einzelhandel landet. Welchen – weiten - Weg ein bestimmtes Garn zurückgelegt hat, lässt sich am Endprodukt meist nicht mehr ohne weiteres nachverfolgen.

Wolle von deutschen Schafen wird hingegen meist entsorgt, verbuddelt oder verbrannt - und kostet den Schäfer auch noch Geld für den Scherer. Die wenigsten Schäfer können ihre Wolle einem Wollhändler verkaufen, und selbst dann sind kaum die Schurkosten gedeckt. Von einem einträglichen Geschäft, das dem Schäfer den Lebensunterhalt sichert, kann nicht die Rede sein.

Das Anliegen von Tulliver Sheep

Wolle soll sich für deutsche Schäfer wieder lohnen. Gemeinsam möchten wir, Elke von Tulliver Yarn und Kathrin von @faserexperimente, Wolle von deutschen Schafen so regional wie möglich zu Garnen verarbeiten lassen, um so lokale Schäfer und Schafhalter zu unterstützen und ganz nebenbei einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz und der Erhaltung der Artenvielfalt leisten.

Wir wollen die Produktions- und Lieferkette für Tulliver Sheep-Garne so transparent wie möglich machen. Damit wollen wir zeigen, welche Stationen die Wolle durchläuft und welche Schritte gegangen werden müssen, damit du als Kunde am Ende weißt, was das für Wolle ist, die du in der Hand hältst.

Erwähnen wollen wir natürlich auch, dass es seit einigen Jahren einige solcher Initiativen in Deutschland gibt, die darum bemüht sind, Wolle von deutschen Schafen zu verarbeiten, u.a. Elbwolle, Rauwerk, Raincloud & Sage, Woollentwine. Je mehr es davon gibt, desto besser!

 

Du denkst jetzt vielleicht: „Aber deutsche Wolle ist doch so kratzig…“ Ja, lange Zeit waren ultimative Weichheit und Maschinenwaschbarkeit die schlagenden Verkaufsargumente für Wolle. Natürlich ist deutsche Wolle nicht so butterweich wie Merinowolle aus Australien. Das muss sie aber auch nicht. Wir wollen Dir zeigen, dass Wolle nicht gleich Wolle ist. Dabei interessieren uns nicht nur rassespezifische Garne, sondern auch besondere Mischungen verschiedener Rassen. Wolle kann zum Beispiel seidig glänzen, einen schönen Fall haben oder auch elastisch sein. Wir finden: jede Wollsorte hat ihre eigenen Charakteristika, die man auf das nächste Projekt abstimmen kann. Und: viele Garne sind durchaus weich genug für Kleidung und Accessoires. Es bedarf manchmal eines gewissen Gewöhnungsprozesses, um sich auch wieder auf Qualitäten einzulassen, die nicht die ultimative Weichheit aufweisen. Zudem kann unbehandelte Wolle durch besondere Haltbarkeit punkten.

Wie kam es zu der Idee? 

Kathrin hatte im Sommer 2019 einen Färbekurs in Elkes Atelier für ein verrücktes Experiment gebucht, für das sie die Garne selbst gesponnen hatte (Stichwort #dasexperimentnr1), und in den Färbepausen kam das Gespräch irgendwann auf die unterschiedlichen Wolleigenschaften diverser Schafrassen und auf regionale Wolle bzw. dass diese nicht so leicht zu bekommen ist.

Im Januar 2020 haben wir bei einem Kaffee den Abschluss von #dasexperimentnr1 gefeiert und es wurde die Idee geboren, Garne aus Wolle von regionalen Schafen herzustellen.

So fingen wir an zu recherchieren. Dabei konnten wir unsere Expertisen wirkungsvoll kombinieren: Kathrin kannte sich mit Fasern aus, ist Handspinnexpertin und promovierte Biochemikerin, Elke ist Textildesignerin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Färben von Wollgarnen.

Der Beginn unserer Reise

 Wir fingen an, lokale Schäfer und Schafhalter ausfindig zu machen. Im Mai 2020 waren wir dann bei der ersten Schur dabei.

Das ganze Jahr über sammelten wir weiter Vliese verschiedener Rassen, darunter Rhönschaf, Coburger Fuchs und verschiedene Kreuzungen daraus, Merinofleischschaf, Shropshire, Ouessant, Ostfriesische Milchschafe, Rauhwoller-Kreuzungen. Kathrin fertigte auf ihrem Spinnrad erste Garnproben an und wir machten uns ein Bild von den verschiedenen Eigenschaften der Wollen. Waren sie wirklich so kratzig, wie viele sagen? Wie ist es mit der Elastizität? Wie dünn kann man die Fasern ausspinnen?

Nebenher haben wir viel recherchiert, was Logistik und Verarbeitungsmethoden angeht. Wie viele Vliese passen in einen Kofferraum? Wo kann man die Wolle waschen lassen? Wer könnte sie uns kardieren? Und wo kann man die Wolle spinnen lassen? Gibt es Mindestmengen, die verarbeitet werden müssen? Wie muss die Wolle beschaffen sein, um sie maschinell verarbeiten lassen zu können? Coronabedingt waren leider viele Dinge nicht möglich, wie z.B. Besuche bei Spinnereien.

 Erste Ergebnisse

Im September 2020 haben wir erste kleine Pilotchargen in der Kleinen Spinnerei beauftragt: Ostfriesisches Milchschaf, eine Mischung aus Coburger Fuchs und Merino sowie eine Mischung aus Shropshire und Merino. Wir wollten eine Idee davon bekommen, wie sich ein Garn aus diesen Mischungen anfühlen könnte, ob sich irgendwann größere Chargen lohnen könnten.

Am besten gefallen hat uns das Garn aus Ostfriesischem Milchschaf. Es hatte eine wunderbare Farbe, eine schöne Zwirnung, und die Maschenprobe war wunderbar gleichmäßig und zeigte einen leichten Flausch („halo“). Die Mischung aus Shropshire und Merino war sehr elastisch und somit fantastisch für alles Mögliche mit Bündchen geeignet. In diesem Garn haben sich die Fasereigenschaften der beiden Schafrassen wunderbar ergänzt. Das Coburger Fuchs-Merino-Garn zeigte ein schönes Maschenbild und war deutlich weniger elastisch als das Shropshire-Garn. Die beiden Misch-Garne hatten einen leichten Dick-Dünn-Charakter, der für ein interessantes Strickbild sorgte.

Neugierig geworden? Im nächsten Artikel beschreiben wir den Weg, den die Wolle vom Schaf zum Garn gehen muss. So: Stay tuned!

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